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Deutsches Weltkulturerbe: Die Totenglocken läuten über dem Drehorgelmann

Wie das Chorsingen, das Kaspertheater und die Volkstanzbewegung gehört Drehorgelmusik zum immateriellen Weltkulturerbe. Sagt die Unesco. Man kann zwar auch „Layla“ und Helene Fischer mit ihm spielen. Trotzdem droht der Leierkasten gerade in Deutschland zu verstummen. Das hat vor allem einen Grund.

Veröffentlicht am 03.08.2022



In den Siebzigern gab's eine kurze Drehorgel-Renaissance

Quelle: picture alliance/United Archives

Fast hat man es schon wieder vergessen, dass die Unesco 2018 die deutsche Drehorgelmusik als Weltkulturerbe anerkannt hat. Vier Jahre später konnte man sich jetzt in Waldkirch, beim Orgelfestival im Schwarzwald ein Bild davon machen, wie es wirklich um dieses Erbe steht. Die Veranstaltung ist die wichtigste Leistungsschau der Drehorgelszene in Deutschland.

Dutzende Instrumente, samt 20 Großorgeln, besser bekannt als Kirmesorgeln, machten Musik im kleinen Ort in der Nähe von Freiburg. Junge Leute an der Orgelkurbel suchte man jedoch größtenteils vergeblich. Die Szene ist hoffnungslos überaltert. Ihr Musikrepertoire ist rückwärtsgewandt. Die präsentierten Lieder waren mit Wander- und Schunkelliedern, Walzern, Märschen und Uralt-Schlagern sowie Moritaten nicht selten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts steckengeblieben. Ein jüngeres Publikum kann so nicht angesprochen werden. Die Totenglocken läuten über den Drehorgeln.


Die Drehorgel steht aber, sagt wenigstens Kai Rafeldt, „ganz zu Unrecht im Ruf, nur ein Instrument für ältere Semester zu sein. Sie kann beinahe jedes moderne Musikstück spielen. Wir haben ,An Tagen wie diesen’, ,Despacito’, ,T.N.T.’ von AC/DC im Repertoire. Selbst den Ballermann-Sommer-Aufreger ,Layla’ können wir auf unseren Orgeln spielen.“ Rafeldt ist Chef des Drehorgelbauers Deleika in Dinkelsbühl, eines der ganz wenigen Unternehmen, die überhaupt noch neue Instrumente herstellen. Drehorgeln, oft auch fälschlich als Leierkästen bezeichnet, sind aus den öffentlichen Stadtbildern weitgehend verschwunden.

Dabei hat die Drehorgel eine lange Tradition in Deutschland. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte sie in Städten zum Alltagsbild. Nach den beiden Weltkriegen verdienten Kriegsinvaliden mit ihnen den Lebensunterhalt. Auf Volksfesten und Jahrmärkten durften sie nicht fehlen.

Meist diente diese Musik in Zeiten vieler sozialer, wirtschaftlicher und politischer Umbrüche armen Menschen dazu, wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen. In zerschlissener Kleidung zogen sie mit ihren tragbaren Orgeln durch die Hinterhöfe in der Hoffnung, ein paar Pfennige loszueisen. Plattenspieler, Radio und TV ließen dieses mechanische Instrument in Vergessenheit geraten.

Anfang der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts tauchte Drehorgelmusik wieder aus ihrer Versenkung auf. Jetzt kam sie allerdings in einem ganz neuen Gewandt daher: Vergleichsweise betuchte Bürgerinnen und Bürger schwelgten damit in historischen Erinnerungen, die aber radikal umgedeutet wurden. Statt der oft aus dem Lumpenproletariat stammenden Spieler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, schmückten sich ihre Nachfolger mit historischen Fantasiekostümen: Hüte, lange auslandende Kleider und oft alte Modelle von Schirmen zierten die Damen, Anzüge, Krawatten und Zylinder die Herren.

In der einstigen Drehorgel-Hochburg Berlin ist Orgelbaumeister Axel Stüber der letzte seiner Zunft. „Das Durchschnittsalter der Drehorgelspielenden liegt heute bei 75 Jahren“, beklagt er. Daneben hat der Wiener Orgelbaumeister Christian Wittmann einen auch international hervorragenden Ruf. Er baut Einzelstücke nach individuellen Vorgaben seiner Kunden.

Demgegenüber zwang der Nachfrageeinbruch den ehrwürdigen Orgelbauer Raffin in Überlingen, die Herstellung komplett einzustellen. „Der Markt geht fast gegen null“, ist auch Uwe Böning ein wenig ratlos. Er führt das fast 100 Jahre alte Traditionsunternehmen Hofbauer in Göttingen als Ein-Mann-Betrieb. In besseren Zeiten schraubten und hobelten hier knapp 50 Mitarbeiter.

Kunstvolle Arrangements sind nötig

Eine Drehorgel besitzt in der Regel nur zwischen 20 und 38 Töne (Klavier: 52 plus 36 Halbtöne). Mit der Kurbel oder dem Schwungrad wird ein Blasebalg betrieben. Der erzeugt Luft, die über ein Notenband in die aus Holz oder Metall bestehenden Pfeifen unterschiedlicher Größen geleitet wird. Die Melodie des Liedes entsteht durch die Anordnung der Löcher auf den Notenbändern, die ebenfalls von der Kurbel vorwärts bewegt werden.

Die Kunst von Arrangements für Drehorgeln besteht darin, mit wenigen Tönen ein ganzes Musikstück hörbar zu machen. Der Arrangeur kann durch kompositorische Kniffe unseren Ohren glaubhaft machen, eine deutliche größere Tonvielfalt zu hören als die 20 bis 38 Töne einer durchschnittlichen Drehorgel eigentlich zulassen.

In den 80er-Jahren entwickelten einige deutsche Drehorgelbauer wie Hofbauer, Raffin oder Deleika elektronische Bausteine. Die neue Midisteuerung ersetzte die Notenbänder. Sofort startete ein Glaubenskrieg zwischen „Traditionalisten“ und „Midi-alisten“. Die „Hardcore-Fraktion“ will bis heute nur die klassischen Orgeln gelten lassen und betrachtet jegliche Elektronik als Teufelswerk.

Dabei liegen die Vorteile elektronischer Steuerung auf der Hand. Die bis zu 80 Euro teuren Notenrollen mit zwei oder drei Liedern müssen nicht mehr herumgeschleppt werden. Das lähmende Rückspulen von Notenbändern entfällt. Musikwünsche des Publikums können spontan erfüllt werden. Es sind modernere, tontechnisch kompliziertere und auch sehr schnelle Songs möglich.

„Die Löcher sind“, sagt der erfahrene Drehorgelspieler Thomas Koppermann zum Dauerstreit, „quasi gespeichert, so dass man die Bänder nicht mehr benötigt. Dennoch bleibt die Drehorgel weiter ein typisches mechanisches Instrument, das mit Muskelkraft angetrieben wird.“

Die Fundamentalisten der Community übersehen, dass ihre Instrumente und ihre Musik ohne Modernisierungen schon in wenigen Jahren nur noch in Museen zu besichtigen und zu hören sein werden. Was wäre aus der Pop-Musik geworden, wenn sich die gute alte Akustikgitarre nicht zur E-Gitarre weiterentwickelt hätte?

Selbst Superstars wie der Geigen-Virtuose David Garrett greifen bei Crossover-Stücken wie „Purple Rain“ zur elektrischen Violine. Folgerichtig verlangt Martin Sturm, Orgelprofessor an der Musikhochschule Weimar, „die Bedienbarkeit des Instruments durch jeden Laien“ sicherzustellen. Die Drehorgel müsse sich mit Blick auf die „junge Komponistengeneration für neue Musik durch Elektronik und digitale Steuerung“ öffnen.

Dass sich der Wind dreht, zeigen die Pläne des Instituts für Neue Musik der Hochschule für Musik Freiburg. Das in Deutschland älteste Institut dieser Art lässt sich vom Orgelbaumeister Achim Schneider ein Instrument bauen, das wahlweise mit Notenbändern und elektronisch zu steuern ist, kündigt Geschäftsführer Martin Bergande an. Schneider arbeitet in Waldkirch, das bisher als Hort der reinen Drehorgellehre galt.

Möglicherweise hängt der fehlende Nachwuchs auch damit zusammen, dass es sich um ein ausgesprochen teures Hobby handelt. Selbst kleinere Instrumente sind nicht unter 10.000 Euro zu haben, im mittleren Preissegment müssen 15.000 Euro lockergemacht werden. Nach oben gibt es keine Grenze. Dafür erhält man in Handarbeit hergestellte Unikate.

Die Prinzessin der Musikinstrumente

Eine kleine Gruppe von Enthusiasten will sich gegen das Verschwinden von Drehorgelmusik stemmen. Zurzeit wird ein Netzwerk von Drehorgelspielern, Komponisten, Arrangeuren, Musikern und Musikprofessoren geknüpft, das sich der existenzbedrohenden Krise widersetzen und diese Musikart auch für zukünftige Generationen attraktiv halten will.

Im kommenden Studienjahr wird Maren Wilhelm an der Hochschule für Musik Nürnberg ein Seminar zur Komposition neuer Drehorgelmusik anbieten. Dirigenten wie zum Beispiel Uwe Renz, der schon früher ein Stück für Drehorgeln und Saxophon arrangiert hatte, zeigen sich aufgeschlossen für dieses Anliegen.

Positive Rückmeldungen kamen auch vom prominenten Berliner Orgelsachverständigen Oliver Horlitz. Interesse zeigen Festivals für Kirchenorgeln, die auch Drehorgelmusik in ihre Programme aufnehmen könnten. So könnte der als „Königin der Musikinstrumente“ bezeichneten Kirchenorgel wieder eine quicklebendige „Prinzessin“ zur Seite gestellt werden, wie die Drehorgel als kleine Schwester von ihren Anhängern liebevoll bezeichnet wird.


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„Musik für alle“: Drehorgel als Musikinstrument zur demokratischen Identitätsstiftung Termin: 27. September bis 01. Oktober 2023 Schirmherrschaft MdEP Tiemo Wölken, Osnabrück Theoretische Überlegungen

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Burkhard Hochstraß
Burkhard Hochstraß
Sep 05, 2022

Die Preise für Drehorgeln sinken, weil immer mehr davon auf dem Gebrauchtmarkt angeboten werden.

Entweder, weil der Besitzer gestorben ist und die Erben lieber das Geld nehmen, oder weil der Besitzer sich nicht mehr in der Lage fühlt, die Drehorgel zu spielen.


Leider hat die GEMA, die die Urheberrechte vertritt, noch nicht verstanden, dass man mit Drehorgeln nichts mehr verdient. Wenn man etwas einnimmt, reicht das nicht , um den Erhalt der Drehorgel zu finanzieren.

Auch darum kann nicht jeder sich laufend neue Rollen beschaffen.

Es wird grundsätzlich nach Fläche berechnet, so dass ein Festival, das sich über die ganze Fußgängerzone zieht, sehr viel Geld nur für die GEMA kostet. Das kann ich nicht privat finanzieren, und die jungen Vorstände…


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